Potenziale des E-Rezepts nicht länger verschenken

„Deutschland streitet schon wieder über die Einführung des papierlosen Rezepts,“ so schreibt der Journalist Sebastian Balzter am 20.05.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In Schweden schaffen selbst Tierärzte die Digitalisierung: 85 Prozent der Rezepte stellen sie bereits elektronisch aus.

Es müsste uns alle eigentlich sehr traurig stimmen, dass wir trotz aller Kosten und Mühen, die seit über 15 Jahren in das Projekt investiert werden, immer noch kein E-Rezept haben. Und das, obwohl es für alle Beteiligten klare Vorteile bietet (siehe unten).

Aber außer den Patient:innen – die sehnlichst auf das E-Rezept warten – legen sich die Beteiligten Interessengruppen immer wieder Steine in den Weg. Es scheint am Vertrauen in die Digitalisierung und in die Betreiber der Architektur zu mangeln, die Beteiligten im Gesundheitswesen sehen sich eher als Empfänger eines Services und nicht immer als konstruktiv Mitwirkende. Zur Testphase des E-Rezepts schreibt Sebastian Balzter: „Egal was dabei herauskommt: Irgendeine Lobbygruppe wird nachher voraussichtlich einen Weg finden, um die Sache zu verschleppen. So war es bisher stets. Diesmal kritisieren die ersten Ärztefunktionäre schon vorab, was ihnen da unter Umständen abverlangt wird.“ Er ergänzt: „Was sich die Versicherten in Deutschland wünschen, zählt nicht viel, auch wenn die mit ihren Beiträgen die Branche ernähren.“ Diese Kritik sollten wir alle sehr ernst nehmen.

Potenzial von einer Milliarde Euro wird verschenkt

Die Beratungsfirma McKinsey hat gemeinsam mit dem Bundesverband Managed Care e.V. (BMC) ermittelt, ob und wie unser Gesundheitssystem durch die Digitalisierung Geld sparen kann. Das Ergebnis: Pro Jahr könnten wir 42 Milliarden Euro sparen, 1,4 Milliarden des Potenzials sind bislang erschlossen.

Auf das E-Rezept entfällt eine Milliarde Euro an Einsparpotenzial in jedem Jahr, weil sie in „Echtzeit an Apotheken übermittelt werden können und die Verwendung der Rezeptdaten für automatische Tests erlauben (z.B. Wechselwirkungen von Medikamenten)“. Entsprechend schreiben die Studienautoren: „Auch die flächendeckende Einführung des E-Rezepts mit Fokus auf Nutzerfreundlichkeit für Arztpraxen, Apotheken und Patienten sollte forciert werden.“

Bei der Digitalisierung müssen allerdings alle Beteiligten mitwirken. Es wäre fatal zu glauben, dass die Gematik ein perfektes System liefern muss und alle anderen nur Anwender sind, die Nutzerservices erhalten und Wünsche äußern dürfen. Wir brauchen bei der Vernetzung, der Digitalisierung das Mitwirken aller – konstruktiv und auch im Handeln mit Blick auf die Patient:innen. „Unsere Welt verändert sich immer schneller und wir müssen alle flexibel bleiben und konstruktiv mitwirken. Die Maximen der Wirtschaft ändern sich gerade vom bloßen Profit zum Impact-orientierten Handeln. Das hat sich auch beim Weltwirtschaftsforum wieder deutlich gezeigt“, sagt Udo Sonnenberg, Geschäftsführer des BVDVA. Stellen wir die richtigen Fragen und definieren wir unsere konkreten Ziele!

Nutzen des E-Rezepts im Überblick

Für Patient:innen

  • chronisch kranke Patient:innen können u.a. Folgerezepte ohne erneuten Praxis- oder Arztbesuch erhalten
  • reduziert Medikationsrisiken für Patient:innen durch die Bereitstellung von Medikationsdaten in Echtzeit für Arzt und Apotheke
  • vermeidet Infektionsrisiken durch die Reduzierung persönlicher Kontakte
  • entlastet z.B. pflegende Angehörige bei der Beschaffung von Medikamenten
  • bietet Mehrwerte für die Nutzung der elektronischen Patientenakte

Für Ärztinnen und Ärzte

  • entlastet Arztpraxen durch weniger persönliche Patientenkontakte, z.B. im Rahmen der Fernbehandlung, schafft Zeit für die intensivere Therapie anderer Patienten
  • ermöglicht die medienbruchfreie Weitergabe (z.B. über den KIM-Dienst, Kommunikation im Medizinwesen via zertifiziertem E-Mail-Austausch)
  • vereinfacht die Aufwände für Folgeverordnungen und Heimversorgungen

Für Apotheken

  • vermeidet Übertragungsfehler durch Wegfall von Medienbrüchen und verringert damit Risiken in der Arzneimitteltherapie
  • reduziert die Aufwände für die Rezeptprüfung in Apotheken zugunsten der Beratung von Patient:innen
  • eröffnet die Chance für mehr Unabhängigkeit und schnellere Zahlprozesse

Für Krankenkassen

  • reduziert die Aufwände für die Rezeptprüfung in Krankenkassen
  • ermöglicht Erstattungszusagen und Kostenübernahmen für Arzneimittel durch Krankenkassen in Echtzeit sowie die Direktabrechnung gegenüber den Kostenträgern
  • liefert wesentliche Informationen für die elektronische Patientenakte, erhöht deren Akzeptanz bei der Bevölkerung und ist damit ein kritischer Erfolgsfaktor
  • eröffnet Chancen, die Potenziale für Versichertenbetreuung und Versorgungssteuerung nutzbar zu machen

Quelle: Trend-Dossier „DAS E-REZEPT KOMMT“ der Gesundheitsforen, Ausgabe 03/2022 | 14. März 2022.

Genderhinweis
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden wir in unseren Inhalten bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern überwiegend die männliche Form. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Teilen auf: