Gemeinsam digital 2026
17.02.2026 Meldungen
Die Digitalisierungsstrategie des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) für das Gesundheitswesen und die Pflege 2026. Warum aus BVDVA-Sicht Einschränkungen digitaler Versorgung nicht zur politischen Gesamtstrategie passen.
Die Bundesregierung verfolgt mit der Digitalisierungsstrategie 2026 („Gemeinsam Digital“) ein klares Ziel: Das deutsche Gesundheitswesen soll bis 2030 zu einem menschenzentrierten, digital gestützten Ökosystem weiterentwickelt werden. Digitale Prozesse, vernetzte Daten und interoperable Infrastrukturen sind dabei nicht als Ergänzungen gedacht. Sie bilden den strukturellen Kern der zukünftigen Versorgung.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Wie passen mögliche Einschränkungen bei Telemedizin, Telepharmazie oder dem Arzneimittelversandhandel zu dieser strategischen Gesamtlinie? Für die Versandapotheken und die technisch verbundenen Branchen (IT/Software, Logistik, Marketing, Retail Media etc.) lohnt ein genauer Blick in die Strategie.
Digital vor ambulant vor stationär als Leitprinzip
Die Strategie formuliert ausdrücklich das Prinzip: „Digital vor ambulant vor stationär“, sofern Qualität und Ergebnis mindestens gleichwertig sind. Damit setzt die Bundesregierung eine klare Priorisierung digitaler Versorgungsformen. Digitale Prozesse sollen genutzt werden, wenn sie Qualität sichern oder gar verbessern und gleichzeitig Effizienzgewinne ermöglichen.
Starke regulatorische Einschränkungen digitaler Versorgungsmodelle würden diesem Grundsatz widersprechen. Wer Digitalisierung politisch priorisiert, muss ihr aus unserer Sicht auch regulatorischen Raum geben.
Telemedizin als wichtiges Instrument mit Ausbauperspektive
Die Strategie bezeichnet Telemedizin ausdrücklich als ein „wichtiges Instrument zur Weiterentwicklung der Versorgung“ mit „großen Potenzialen“. Parallel dazu werden konkrete Maßnahmen benannt:
- mobiler Zugriff auf die Telematikinfrastruktur (TI)
- digitaler Check-in in Gesundheitseinrichtungen
- elektronische Überweisungen
- digitale Terminvergabe oder die
- Integration telemedizinischer Konzepte in Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)
Die Stoßrichtung wird also deutlich: Ausbau, Integration und Standardisierung digitaler Versorgungsformen, nicht deren Begrenzung wird angestrebt. Für Versandapotheken und telepharmazeutische Anbieter ist das das klares Signal, dass digitale Schnittstellen politisch stark gewollt sind.
Das E-Rezept als struktureller Standard
Mit über einer Milliarde eingelöster E-Rezepte ist die digitale Arzneimittelverordnung laut Strategie „endgültig als Standard in der Arzneimittelversorgung angekommen“. Das E-Rezept ist die Königsanwendung in der digitalen Infrastruktur. Sie bindet Patient, Arzt und Apotheker eng zusammen. Gemeinsam mit der elektronischen Patientenakte (ePA), digitalen Medikationsplänen und interoperablen Datenformaten entsteht ein integriertes digitales Versorgungsökosystem. Digitale Medikationsprozesse erhöhen zudem die:
- Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS)
- Transparenz über Wechselwirkungen
- sektorenübergreifende Zusammenarbeit und die
- Prozessgeschwindigkeit
Der Arzneimittelversand ist funktionaler Bestandteil dieser digitalen Infrastruktur. Ein digitales Rezept entfaltet seinen vollen Nutzen erst dann, wenn es ortsunabhängig, effizient und patientenorientiert eingelöst werden kann.
Digitale Entlastung statt Strukturdebatte
Internationale Beispiele wie etwa digitale Ersteinschätzungsplattformen wie in Finnland zeigen, dass digitale Versorgung ärztliche Strukturen entlastet, unnötige Vor-Ort-Kontakte reduziert, Ressourcen gezielter einsetzt und Versicherten schnelleren Zugang zu medizinisch-pharmazeutischer Versorgung ermöglicht. Gerade vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, demografischem Wandel und steigender Versorgungsnachfrage sind digitale Angebote Teil der Lösung.
Für technisch verbundene Branchen – IT-Anbieter, Logistik, Plattformlösungen, Softwarehäuser – bedeutet das: Die politische Strategie setzt auf Prozessoptimierung durch Technologie. Eng damit verbunden ist das Thema europäischer Datenraum. Die Bundesregierung will den Gemeinsamen Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) mitgestalten. Langfristziel ist die grenzüberschreitende Nutzung von Gesundheitsdaten, einschließlich der Einlösbarkeit von E-Rezepten im europäischen Ausland. Was es dafür weiter braucht? Eine bessere Interoperabilität, die Standardisierung von Daten und Schnittstellen auf EU-Ebene, den Ausbau digitaler Infrastruktur ganz allgemein sowie die Förderung der europäischen Innovationskraft. Nationale Einschränkungen digitaler Versorgungsmodelle würden hier automatisch Spannungen erzeugen. Es braucht auch bei diesem Thema vertiefte Integration.
Massive Investitionen in digitale Infrastruktur werden benötigt, das ist auch Thema von Versandapotheken
Die Strategie sieht erhebliche Investitionen konkret in diesen Bereichen vor:
- die Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur (TI 2.0)
- die ePA als zentrale Versorgungsplattform
- das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) - es sitzt am BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) in Bonn und soll die Nutzung pseudonymisierter Gesundheitsdaten für ausgewählte Forschungszwecke im Gesundheitswesen gewährleisten
- KI-gestützte Dokumentation und Entscheidungsunterstützung
- digitale Identitäten und sichere Authentifizierungsverfahren
All diese Maßnahmen basieren auf der Annahme, dass Versorgung zunehmend digital, vernetzt und ortsunabhängig erfolgt. Regulatorische Einschränkungen digitaler Versorgungsmodelle würden nicht nur einzelne Geschäftsmodelle betreffen. Sie würden die Kohärenz der Gesamtstrategie infrage stellen. Die Digitalisierungsstrategie ist eindeutig prozess- und plattformorientiert. Dabei setzt ihr Ansatz wie bereits angeklungen auf Datenintegration Interoperabilität, digitale Versorgungssteuerung, KI-gestützte Prozesse und auch sektorenübergreifende Zusammenarbeit.
Versandapotheken, telepharmazeutische Anbieter, IT-Dienstleister, Logistikunternehmen und Plattformbetreiber sind integraler Bestandteil dieses Ökosystems. Digitalisierung und Arzneimittelversand stehen folglich nicht im Gegensatz zu einer hochwertigen gesundheitlichen Versorgung, sondern sie sind wichtiger Teil ihrer strukturellen Weiterentwicklung.
